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Wirklichkeit

Auch wenn sich nachfolgender Artikel hauptsächlich mit der Wirklichkeit im Bezug auf Kirche auseinandersetzt, finden wir ihn für die aktuelle weltliche Situation äußerst treffend und nachdenkenswert.
Das Essay „Wirklichkeit“ gehört zu einer Reihe von mehreren Textbeiträgen – nachzulesen in dem Pfarrbrief mit dem Titel INNOVATIO, lateinisch für Erneuerung / Wandel / Veränderung. Das, was gerade passiert. Das (ER-)Finden einer neuen, unserer neuen Wirklichkeit.
Wer gerne alle Texte lesen möchte, von denen einige auch in Relation zu den aktuellen Geschehnissen gesehen werden können, kommt hier zu dem über 50 Seiten umfassenden Pfarrbrief.

Aber hier nun erst einmal der Auszug des Dipl. Theol. Christian Heckmann zum Thema „Was ist Wirklichkeit?“:
„Das Hauptwort „Wirklichkeit“ haben wir oft im Mund. Öfter noch das Eigenschaftswort „wirklich“. Mit dem Wörtchen fragen wir nach, ob etwas so ist, wie wir es gerade gehört haben: Wirklich? Damit fragen wir: Ist das wahr? Entspricht das den Tatsachen? Die Wirklichkeit ist also das, was ist.
So ähnlich haben das auch manche Philosophen beschrieben. So ist das Wort „Wirklichkeit“ eines der spannendsten Wörter unserer Sprache. Einerseits ist es ein abstraktes Wort: wir können die Wirklichkeit nicht fassen und greifen, auf sie zeigen. Andererseits gibt es dieses Wort in unserer Sprache, damit wir zum Ausdruck bringen können, dass etwas ganz konkret ist und zwar so ist, wie wir es mit unseren Sinnen und unserem Verstand wahrnehmen. Schon die griechischen Philosophen, allen voran Platon, haben sich Gedanken darüber gemacht, wie wirklich die Wirklichkeit ist? In dem berühmten Höhlengleichnis, das Platon seinem Lehrer Sokrates in den Mund legt, will er seine Schüler dazu bewegen, nicht alles, was sie sehen, für die Wirklichkeit zu halten, denn es könnte ja sein, dass wir in einem großen Schattenspiel leben, nicht die wirklichen Dinge, sondern nur deren Schatten sehen. Die Frage packt die Menschen bis heute. In den 1970er Jahren hat der Sprachforscher Paul Watzlawick ein Buch mit diesem Titel geschrieben (Wie wirklich ist die Wirklichkeit?). Nun könnte man damit frustriert zurückbleiben. Und in der Tat geben uns die Philosophen keine letzte Antwort auf die Frage, was wirklich ist bzw. wie wirklich die Wirklichkeit ist. Nur dass sie ein umstrittenes Gut ist. Das greift auch die Filmkunst auf. Hier erfahren wir schon ein bisschen mehr. Denn hier geht es um den Umgang des Menschen mit einer der Grundfragen des Lebens: Was ist wirklich? Die Filme Die Truman Show aus dem Jahr 1998, Matrix aus dem Jahr 1999 und Inception aus dem Jahr 2010 erzählen mal humorvoll, mal actiongeladen, mal verwirrend, aber immer mit Tiefgang, wie Menschen um die Wirklichkeit ringen und das Hinterfragen dessen, was zunächst als wirklich erscheint.
In Die Truman Show lebt die Hauptfigur Truman Burbank in einer riesigen Reality-Soap. Für die Produktion ist eine eigene kleine Welt aufgebaut. Als adoptiertes Baby wurde ihm diese Wirklichkeit „angeboten“. Was er für sein Leben hält, ist Schauspiel, seine Freunde und seine Frau sind Schauspieler. Der Film erzählt, wie er seine kleine Welt hinterfragen lernt und über das, was er bis dahin für seine Welt hielt, hinausgreifen lernt.
Die Figur Neo im Film Matrix, der wesentlich düsterer und apokalyptischer erzählt ist, wird sich bewusst, dass das, was er für das Leben hält, nur eine Computer-Simulation ist. Hier ist es die künstliche Intelligenz, die die Herrschaft über die Menschheit übernommen hat und diese nur als biologische Energiereserve hält.
Und Dominick Cobb und seine Frau Mal verlieren sich im Film Inception in vielfach ineinander verschachtelten Traumwelten. Die Traummanipulation wird von US-Militärs eingesetzt, um geheime Information aus den Träumen etwa von Geschäftsleuten zu erhalten. Die Zuschauer müssen wie die Hauptfiguren sich ständig die Frage stellen, wie wirklich die erlebte Wirklichkeit gerade ist. Die „tödliche“ Bedrohung, die die Geschichte durchzieht, ist die, in der Traumwelt gefangen zu bleiben.
Aus dem Ringen der Philosophen und der Hauptfiguren in den Filmen lassen sich einige Motivationen erkennen, Wirklichkeit als wichtiges, wenn auch sperriges Grundwort für die Entwicklung unserer Kirche zu erkennen. Daraus ergeben sich drei geistliche Grundhaltungen bzw. Aufgaben für eine Kirchenentwicklung: Reflexion, Kommunikation und Aktion.
Reflexion: Heutige Christinnen und Christen finden sich in einer Gesellschaft wieder, die sehr plural ist, in der verschiedene Weltbilder formuliert und gelebt werden. Das vergrößert die Unsicherheit, manchmal begünstigt das auch einfache, ideologische Antworten: So ist es, nicht anders. Dem Menschen ist aber die Fähigkeit gegeben, sich auf sich selbst zu beziehen. Ich nehme nicht nur wahr, ich kann mich dabei beobachten, wie ich wahrnehme, was ich für wirklich halte und woran ich zweifle. Ich handle nicht nur, sondern kann darüber nachdenken, welche Grundannahmen mein Handeln prägen. So hat es Truman Burbank schließlich geschafft, hinter die Grenzen der ihm angebotenen Welt zu kommen: er begann zu zweifeln. Sich immer wieder zu hinterfragen und an der angebotenen Wirklichkeit zu zweifeln, ist also keine Bedenkenträgerei, sondern eine Aufgabe der Menschen, der Christinnen und Christen zumal. „Es ist die Reflexion, die uns trägt, und nicht der Stein des Weisen.“ sagt dazu Dirk Baecker, ein deutscher Soziologe. Dieser Beitrag der Christen ist dann nicht nur Kirchenentwicklung, sondern auch ein Angebot an die Gesellschaft.
Kommunikation: Paul Watzlawick klärt gleich zu Beginn seines oben genannten Buches auf. Es ist nicht so, dass die Kommunikation der Wirklichkeit folgt, sondern dass unsere Wirklichkeit durch Kommunikation entsteht. Es gibt also nicht die eine Wirklichkeit, die nur zu erkennen und zu kommunizieren wäre. Sondern das, was zwischen Menschen als wirklich gilt, wird durch Kommunikation, die sich manchmal auch im Streit zeigt, hergestellt. Der Austausch von eigenen Ansichten der Wirklichkeit, das Aushalten von Gegenpositionen, der Streit über die angemessene Deutung der Wahrnehmungen gehört zur Entwicklung der Kirche und der Gesellschaft. Hierhin gehört dann auch der Dialog mit den Wissenschaften, die ja versuchen eine kriteriengeleitete Darstellung gewisser Aspekte der Wirklichkeit anzubieten. Gerade für die Christinnen und Christen und die Gemeinschaft der Kirche heißt das, nicht in der Vorstellung, wie die Welt sein soll, zu verharren, sondern mit den Menschen von heute zu entdecken, wie sich die Welt uns im dritten Jahrtausend zeigt.
Aktion: Im Film Matrix zeigt sich eine Grundhaltung, die im Ringen um die Wirklichkeit in Kirche und Gesellschaft entscheidend ist. Als Actionfilm gestaltet führt die Hauptfigur Neo uns vor Augen, worauf es ankommt: Action, oder besser Aktion, also eine andere Wirklichkeit zu gestalten. Aktion meint also hier, aus der Reflexion und Kommunikation gewonnene Einsichten auch „wirklich“ werden zu lassen. Wirklichkeit als Grundwort für eine Kirchenentwicklung und ein christliches Angebot an die Gesellschaft anzunehmen, erschöpft sich also nicht darin, mal darüber geredet zu haben, sondern bewährt sich im
konkreten Tun.“